Übersicht
| Lehrlingsaktionen ( 1973 ) | Bericht über Aktionen |
| Islam |
Erfahrungen mit interreligiösem Religionsunterricht - in der Kollegschule |
| Ausbildung und Beruf | 12 Elemente für den BRU in Verbindung mit TZI |
Veröffentlichungen BRU-Magazin bis Heft 32/2000
Horstmann, Dietrich
Der Motorradfan
Ergebnisse der Studie "Jugend '81"
In: BRU o.Jg., 1985, H.2, S.20-22
Jugend Subkultur Politik Gruppe Religionsunterricht
134
Horstmann, Dietrich
Hoffnung auf Befreiung
theologische Perspektiven zum Thema Motorradfahren
In: BRU o.Jg., 1985, H.2, S.12-14
Jugend Befreiung Theologie Sozialethik Zukunft
135
Horstmann, Dietrich
Berufsbezug oder umfassende Handlungskompetenz?
der Beitrag des Religionsunterrichts in den Bildungsgängen der Teil
In: BRU o.Jg., 1999, H.30, S.39-43
Religionsunterricht Handlungsorientierung Kompetenz
136
Horstmann, Dietrich
Big Brother ... und raus bist Du!
In: BRU o.Jg., 2000, H.33, S.36-41
Jugendlicher Anerkennung Big Brother
137
Horstmann, Dietrich
Meine Ausbildung und mein Beruf
Kompetenzen erwerben mit Lebendigem Lernen (TZI)
In: BRU o.Jg., 1997, H.26, S.25-31
Themenzentrierte_Interaktion Ausbildung Beruf Arbeit
138
Horstmann, Dietrich
Das Thema: Erlebnis Technik und die biblischen Wunder
didaktische Vorüberlegungen
In: BRU o.Jg., 1999, H.31, S.18-25
Erlebnis Technik Wunder
139
Horstmann, Dietrich
Kirche, das ist ...
In: BRU o.Jg., 1985, H.3, S.8
Kirche
140
Horstmann, Dietrich
Verständlicher Haß
aber auf die Falschen
In: BRU o.Jg., 1992, H.17, S.18-19
Jugendlicher Haß
141
Horstmann, Dietrich
Wahrnehmen
berufsschulspezifisch
In: BRU o.Jg., 1994, H.21, S.10-11
Berufsschule Wahrnehmung
142
Horstmann, Dietrich
Aus der Geschichte
Traumdeutungen
In: BRU o.Jg., 1996, H.25, S.17
Traum Interpretation
143
Horstmann, Dietrich
Träume im Internet
ein Alptraum
In: BRU o.Jg., 1996, H.25, S.40
Neue_Medien Traum
144
Horstmann, Dietrich
Meine Ausbildung und mein Beruf
Kompetenzen erwerben mit Lebendigem Lernen (TZI)
In: BRU o.Jg., 1997, H.26, S.25-31
Berufsschule Religionsunterricht Themenzentrierte_Interaktion
145
Horstmann, Dietrich
Ausbildung rechnet sich
In: BRU o.Jg., 1997, H.26, S.41
Ausbildung Finanzen
146
Horstmann, Dietrich
Die Standortdebatte
Argumente und Gegenargumente
In: BRU o.Jg., 1997, H.26, S.38-39
Staat Sozialstaat Wirtschaft
147
Horstmann, Dietrich
"Alles Lüge, alles Betrug" als Thema im Unterricht
In: BRU o.Jg., 1998, H.29, S.10-11
Religionsunterricht Wahrheit Lüge
148
Horstmann, Dietrich
Das Thema "Lachen" im Unterricht
didaktische Einführung
In: BRU o.Jg., 2000, H.32, S.13
Lachen Didaktik
Lehrlingsaktionen ( 1973 )
Lehrlinge ( 1973)
aus : Otto Seeber/Yorick Spiegel (
Hg,) Behindert
Süchtig Obdachlos., München 1973 S 135ff.
S. 135
Die
Aktionen der Arbeitsgemeinschaft
unabhängiger Lehrlinge Duisburgs (AULD)
Der folgende Beitrag will
darstellen,, wie in
Duisburg die Lehrlingsaktionen
begannen, mit
welchem Ziel sie geführt
wurden und was sie erreichten. Dabei sollen auch die Konflikte
aufgezeigt
werden, die durch
die Aktionen zwischen
der Arbeitsgemeinschaft, der
Kirche und
den Gewerkschaften aufbrachen.
Vorgeschichte
Im Jahre 1969 trat ich mein „Amt“
als Berufsschulpfarrer
an der kaufmännischen Schule in Duisburg an.
Schon kurz nach meinem „Amtsantritt“ kam es zu
Unterrichtsgesprächen
über die Situation der Lehrlinge in den Betrieben,
die die katastrophalen Missstände in der
Lehrlingsausbildung
deutlich machten.
Die Motivation zu diesen Gesprächen
war zunächst
völlig unpolitisch. Es
ging darum, die
Interessen der Schüler kennen zu
lernen, um
daraufhin gemeinsam mögliche
Inhalte des Religionsunterrichts festzulegen. Als Zielvorstellung
schwebte mir
damals noch das Konzept einer vom Evangelium her motivierten
„Lebenshilfe“
vor. Diese Vorstellung stimmte mit dem Lehrplan und der herrschenden
Praxis des
Religionsunterrichts an der Berufsschule überein.
Da mir aber die Missstände in der Lehrlingsausbildung
derart
massiv und grundsätzlich erschienen und die Lehrlinge aus Angst vor
ihren
Arbeitgebern und ihren Eltern an ihrer Situation nichts verändern
konnten
oder wollten, reichte
das Konzept individueller
Lebenshilfe nicht aus.
Auch die Dienstanweisung sah für
solche Strukturmängel
keinen „Auftrag“ vor: „Der Berufsschulpfarrer soll auch außerhalb der
Schulzeit
die Verbindung zu seinen Berufsschülern-(innen) pflegen. Durch Besuch der
Elternhäuser,
Arbeitgeber, Werksleiter
und Innungen
soll er sich über die innere und äußere Lage der Jugendlichen
unterrichten“,
heißt es dort. Immerhin
wird die
Aufgabe der „Unterrichtung“ gefordert. Sehr bezeichnend ist es
allerdings, daß
die Gewerkschaften bei der Aufzählung
fehlen; das ist sicherlich kein bloßes Versehen! Ein Auftrag, die „innere und äußere
Lage der Jugendlichen“
eventuell zu verändern,
schien - wie
sich später
136
auch herausstellte - damit nicht
verbunden zu sein.
Neben der Information bei den zuständigen Stellen (s. u. ) suchte ich
nach
einem Weg zur Veränderung der Verhältnisse, die über Einzelfallhilfe
hinausgehen sollte.
Der
erste
Schritt war, dass
ich ein Papier
„Vorschläge zur Reform der Lehrlingsausbildung“ konzipierte, das aus Äußerungen der
Lehrlinge bestand und
deshalb mehr am Vorfindlichen orientiert war. Dies Papier wurde in den
Klassen
mit Lehrlingen diskutiert und verändert. Dann folgten Gespräche mit
Kollegen in
der Schule, mit
Gewerkschaftern und
Ausbildern. Ein
politisch strategisches
Konzept war noch nicht vorhanden. Da mir als Theologe von meiner
Ausbildung her
die nötige Sachkenntnis fehlte, las ich mich in die Literatur zur
Lehrlingsausbildung ein“(61). Von
der
akademischen, evangelischen Sozialethik her fand sich keine mir
ausreichend
erscheinende Antwort auf die Probleme. Wie verhielten sich nun einzelne
kirchliche Gremien in Duisburg zur Situation der Lehrlinge in den
Betrieben?


Die
Vorschläge zur Reform der Lehrlingsausbildung wurden im
Konvent der Berufsschulkatecheten
und -pfar-rer diskutiert. Man
beschloss, an den Problemen weiterzuarbeiten, aber die konkreten
Aktionen dem
Einzelnen zu überlassen (62).
Eine
Solidarisierung fand nicht statt.
Diese Verweigerung beleuchtet die
Situation der
Berufsschulpfarrer und Katecheten,
die
wöchentlich bis zu 400 Lehrlinge unterrichten und die schweren
Missstände in
der betrieblichen Ausbildung genau kennen. Der Sozialsekretär der
Synode von
Duisburg schlug nach zweimonatigem Schweigen zu meinen ‘Vorschlägen`
„Über-
legungen“ und ein politisches Nachtgebet vor. Öffentliche Aktionen sah
er als
sinnlos an und verweigerte deshalb seine Teilnahme.
Ähnlich verlief ein Gespräch mit
den örtlichen
DGB-Vorstandsmitgliedern. Es
hießt, die
Gewerkschaften täten genug
für die Lehrlinge; Demonstrationen und Aktionen auf der Straße könnten
sie
nicht unterstützen. Außerdem hätte jeder Lehrling als
Gewerkschaftsmitglied
Rechtsschutz, dies
sei vollkommen
ausreichend. Das Ergebnis dieser ersten Versuche,
die zuständigen Institutionen zur gemeinsamen Aktion zur
Veränderung
137
der Ausbildung zu bewegen, war also enttäuschend. Die
„Aufgeschlossenheit“ für die Probleme
endete bei bloßen verbalen Erklärungen.
Wie wirkten sich diese negativen
Erfahrungen auf die
Arbeit mit den Lehrlingen aus?
Die Möglichkeiten,
eine breite Solidarisierung innerhalb der Kirche und den
Gewerkschaften
zu finden, schien
erschöpft zu sein.
Der Religionsunterricht in der Berufsschule bot eine zu dünne und
unsichere
Basis, um von da aus zusammen mit der erst langsam sich politisch
artikulierenden
SMV Aktionen vorzubereiten. Es
blieb
als einziger Ausweg, sich
außerhalb der
Schule zu organisieren und die Aktionen vorzubereiten.
Allerdings war es wichtig, dass sich die Lehrlinge
jede Woche einmal in der Berufsschule
trafen und im Unterricht ihre Probleme diskutieren konnten. Im Gegensatz zu anderen
Unterrichtsfächern
besitzt der Religionsunterricht einen größeren Spielraum, auf die
aktuellen
sozialen Fragen der Lehrlinge einzugehen.
Die Ziele und die Erfahrungen bei den Aktionen wurden
besprochen und kritisiert;
die konkrete politische Lage sowie deren sozio-ökonomischen Ursachen
reflektiert.


Die Gründung der
Arbeitsgemeinschaft unabhängiger
Lehrlinge Duisburgs (AULD)
Ein „progressives“ Schülerforum des
Katholischen und
Evangelischen Jugendpfarramtes veranstaltete eine öffentliche
Diskussion über
die Ausbildungssituation der Lehrlinge in den Betrieben. Es wurde über
die
Lehrlingsdemonstrationen und Aktionen in Essen und in anderen Städten
der BRD
berichtet und die Notwendigkeit einer breiten Solidarisierung erörtert. Ungefähr fünfzehn
Jugendliche, darunter
Schüler aus dem Republikanischen
Club, Lehrlinge, Gruppenmitglieder
der
Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend (SDAJ) und Junggewerkschafter
schlössen sich im Nov. 1969 zur Arbeitsgemeinschaft unabhängiger
Lehrlinge
Duisburgs zusammen. Nach
mehreren
Sitzungen einigte man sich auf ein Grundsatzprogramm: Beseitigung
konkreter
Missstände in Betrieben, Werkstätten,
Groß- und Einzelhandelsverkaufshäusern durch gezielte
Aktionen. Die
Arbeitsgemeinschaft nannte sich
unabhängig, um
„bloße
Interessenvertretung Einzel-
138
ner wie auch verlängerter Arm von
Institutionen,
Parteien oder Verbänden und deren Einzelinteressen zu sein“
auszuschließen.
Kooperation sollte nur insoweit
angestrebt
werden, als diese
Unabhängigkeit nicht
gefährdet wird. Hier zeigte sich der Einfluss der Schüler der
„antiautoritären
Phase“: „Misstrauen gegenüber allen Autoritäten,
jedoch mit dem von den Erwachsenen eingebrachten Moment
der
„Kooperation“ mit den Institutionen.
Diese Abgrenzung führte - wie zu
erwarten war – zu Konflikten
mit anderen Gruppen der Industriegewerkschaft Metall,
linker Jugendorganisationen und auch innerhalb der
Arbeitsgemeinschaft selbst. Andererseits wurden aber auch andere
Lehrlinge für
die Mitarbeit in der AULD gewonnen,
die
sich nicht mit irgendeiner Organisation, Partei oder Institution völlig
identifizieren wollten. Außerdem ermöglichte diese Unabhängigkeit, dass wir uns in einem Ev.
Jugendheim treffen
konnten. Es war eines unserer wichtigen Ziele,
die noch unpolitischen, aber unter Pressionen stehenden
Lehrlinge,
durch Planung und Durchführung konkreter Aktionen in Duisburg zu einem
politischen Bewußtsein ihrer eigenen Lage zu führen63). Als
Modell diente die „Arbeitsgemeinschaft gewerblicher und kaufmännischer
Lehrlinge in Essen“, mit der wir in losem Kontakt blieben.
Die Fragebogenaktion und die
Gewerkschaft Nachdem
ein Versuch fehlgeschlagen war, konkrete Missstände
in einem Textilgroßkaufhaus aufzudecken und beseitigen zu helfen, wurde die Fragebogenaktion
beschlossen und
durchgeführt.
Die Ausarbeitung des Fragebogens
unter Mithilfe
einiger Beruf s schullehrer (GEW), von denen sich einige bald wegen
„zu
radikaler Methoden“ von uns trennten,
erbrachte eine Stabilisierung der Gruppe.
Die Arbeitsteilung beider Durchführung der Aktion ließ
aufgebrochene Kontroversen innerhalb der Gruppe über die politischen
Ziele in
den Hintergrund treten. Fragebögen
mußten gedruckt werden, Stände aufgebaut, Plakate gemalt und die
Organisation
und Durchführung der Aktion geplant werden. Unter großem persönlichen
Einsatz
wurde dann später auch die Befragung drei Wochen lang vor den
Berufsschulen in
Duisburg
durchgeführt
139
Die regionale und auch
überregionale Presse berichtete
positiv über die Aktion(64). Einige Seitenhiebe in der Presse gegen die
Gewerkschaften führten zu einer von uns nicht beabsichtigten
Leserbrieffehde.
Sie wurde beigelegt, indem
man sich
einigte: öffentliche Polemik sollte vermieden werden; konkrete
Zusammenarbeit
in Einzelfällen, Rechtshilfe
für
Gewerkschaftsmitglieder wurde angeboten.
Die Methoden politischer Aktion
blieben kontrovers. Einige
Gewerkschaftsmitglieder, die
mit der
AULD sympathisiert hatten, distanzierten
sich von ihr.
Eine wirkliche Kooperation mit der
Gewerkschaft, besonders
mit der Industriegewerkschaft Metall,
erwies sich vor allem deshalb als unmöglich, weil die
politischen Inhalte
gegensätzlich blieben: Die Gewerkschaftsfunktionäre gaben klar zu
verstehen, dass sie
durch die Tarifverträge
und durch die Friedenspflicht des BVG in ihrer Aktionsfreiheit
gebunden seien
und dies auch für richtig hielten. Die Verflechtung mit der SPD, die gerade an die
Regierung gekommen
war, mag ein
weiteres Moment für ihr
Verhalten gewesen sein.
Hinzu kam,
dass die Gewerkschaften mit dem neuen
Berufsbildungsgesetz aus dem
Jahre 1969 Sitz und Stimme in den Berufsbildungsausschüssen der
Industrie- und
Handelskammern erhielten. Diese
Position wollten die Gewerkschaften nicht schon vor der Konstituierung
der Ausschüsse
gefährden.
So bedeutete Kooperation praktisch
nichts anderes als
die Kontrolle über die Aktivitäten nicht zu verlieren.
Die Gewerkschaften in Duisburg setzten also
eher auf die institutionelle Macht als auf die „Macht von unten“. Das versprochene
Lehrlingszentrum wurde bis
heute nicht errichtet; die Hoffnungen vieler Mitglieder der AULD, ihre Arbeit in der
Gewerkschaft direkt
fortzusetzen, nachdem die AULD an die Grenzen ihrer organisatorischen
Möglichkeiten
gekommen war, sind
also bitter
enttäuscht worden.
Ist oder war Duisburg ein
Sonderfall
gewerkschaftlicher Politik? Das Dilemma für jeden fortschrittlichen
Bürger ist
m. E. deutlich: Wer
für die Rechte der
Arbeitnehmer kämpfen will, muß
dies zT.
gegen die Politik der Gewerkschaft tun. Die Frage ist aber, ob dieser Kampf ohne oder
in der
Gewerkschaft geführt werden kann und




140
Die Fragebogenaktion und die Kirche
Die AULD war an den Sozialethischen
Ausschuss der Kirchenkreise
Duisburgs herangetreten, der
zusammengesetzt
war mit dem Sozialsekretär als Vorsitzenden,
mit Pfarrern, Arbeitnehmern,, Arbeitgebern, dem DGB-Vorsitzenden in
Duisburg, um eine finanzielle
Unterstützung für die Fragebogenaktion zu bekommen. Der Ausschuß
beschloß einen
Zuschuss zu gewähren, jedoch
nur unter
der Bedingung, „dass
sich die Gruppe
zur Konsultation und zur Kooperation mit dem Ausschuss . . . bereit
erklärt und
verpflichtet“.
Unter Konsultation und Kooperation
verstand der Ausschuss
„die gemeinsame Planung aller öffentlichen Aktionen und
Veranstaltungen der
Gruppe“. Außerdem forderte er, dass
alle weiteren Bemühungen „in Zusammenarbeit mit den zuständigen
Institutionen
wie Gewerkschaften, Kammern, Innungen
usw.“ unternommen werden müssten.
Diese Bedingungen waren für die
AULD unannehmbar. Sie
hätten den Verzicht auf jede eigenständige Arbeit der Lehrlinge
bedeutet und
diese den Spielregeln unterworfen, die auch die Gewerkschaften daran
hindern, die
Interessen der Lehrlinge
wahrzunehmen.
Die Zusammenarbeit mit den
Institutionen war aber
schon zu diesem Zeitpunkt nicht mehr möglich,
weil sich die Kammern,
ähnlich
wie die Gewerkschaften, weigerten,
mit
Gruppen zu verhandeln, die
an dem
bestehenden Ausbildungssystem radikale Kritik übten.
Die Fragebogenaktion wurde von ihnen von vorneherein
diskreditiert. Dem Sozialethischen Ausschuss war dieser Sachverhalt
bekannt.
Die Aufforderung der Zusammenarbeit mit allen zuständigen
Institutionen
erschien von daher als Verschleierung der tatsächlichen Verhältnisse.
Die Kirche in Duisburg erwies sich
in dieser Auseinandersetzung
als eine systemerhaltende Kraft. Sie
hatte ihre Rolle als eigenständige Institution verneint. Das immer wiederkehrende
Argument, die
Kirche müsse „überparteilich“
sein, erweist sich
in Wirklichkeit als
Parteilichkeit für die Interessen der Herrschenden,
das heißt in diesem Fall für die Interessen der
Unternehmer gegen
die Interessen der Lehrlinge.
Versucht man die Haltung der
kirchlichen Gremien Duisburgs
gegenüber den aktuellen Lehrlingsproblemen einer
141
kritischen Beurteilung zu
unterziehen, so muß
man feststellen, daß
sie die sozialen wie bildungspolitischen
Probleme überhaupt nicht gesehen haben. Es kam kein einziges Mal zu
einer
echten, sachlichen
Diskussion über diese
Fragen. Die
sogenannten „brüderlichen
Gespräche“, die der Kreissynodalvorstand,
meine Anstellungsbehörde,
mit
mir führte, zielten
auf Jlaw and
order`. Nicht die Situation der Lehrlinge in der betrieblichen
Ausbildung interessierte
meine Dienstbehörde, sondern
einzig
und allein meine Person und meine politische Einstellung. Da die
Mitglieder des
Kreissynodalvorstandes großenteils mittelständisch-bürgerlicher
Herkunft waren, gaben
sie deutlich zu verstehen, daß
ein Theologe bei allem sozialpolitischen
Engagement auch eine Fürsorgepflicht für die Handwerkerschaft habe! 66)
Diese
würde sonst auch noch ([) an der Kirche irre.
Falls ich nicht bereit sein sollte, meine aktive
Unterstützung der
Lehrlingsaktionen einzuschränken,
drohte man mir offen Sanktionen an.
Um die Arbeit der AULD nicht
unnötig zu belasten, wurde
dieser Konflikt mit der Kirche nicht weiter ausgetragen. Ich selbst
zog damals
zunächst den Schluß daraus, daß politische
Arbeit innerhalb und mit der Kirche ein unnötiger
Kräfteverschleiß ist.
Trotz dieser persönlichen
Schwierigkeiten mit meiner
Kirchenbehörde, und trotz des Stillhalteabkommens der Gewerkschaften,
hatten
die Lehrlingsaktionen in Duisburg und die Veröffentlichung der
Fragebogenergebnisse durch die Presse,
die öffentliche Diskussion über die Lehrlingssituation
angefacht.
Es bleibt nur zu hoffen, daß die Kirche sich in
Zukunft dieser sozialen und politischen
Fragen nicht verschließt, sondern sie zum Gegenstand ihrer sozialen
Verantwortung
macht.


Anmerkungen


61)
Vgl.
u.a. M.
Baethge, aaO. ;
Deutscher Bildungsrat. Zur
Situation der Lehrlingsausbildung,
aaO. ; W. Lempcrt/H. Ebel,
aaO. ; G. Stütz, aaO.
; Fr. Nyssen, Schule
im Kapitalismus, 1970.
62)
Mit ein
Grund für das vorsichtige Taktieren waren die Vorfälle in Essen, wo zwei ev. Beruf
sschulpfarrer auf
Betreiben des Bezirks-beauftragten versetzt wurden,
weil sie sich aktiv für die Interessen ihrer Schüler
eingesetzt
hatten, vgl. E. T. Böttcher/Kl.
Schmidt, An der Seite der Lehrlinge,
in: akid Nr. 2/1969,
14-18.
63)
Vgl.
H. Giesecke
u.a., Politische
Aktion und politisches Lernen,
1970.
64)
Vgl.
u.a. WAZ
vom 28. 2. 1970, „Überall
im Revier proben Lehrlinge den
Aufstand“.
65)
Vgl. dazu:
O. Jakobi/W. Müller-Jentsch/E. Schmidt,
Gewerkschaften und Klassenkampf,
1972; S. G. Papcke (Hg.),
Anpassung oder Widerstand? Gewerkschaften im autoritären
Staat, 1969;
M. Schumann/Fr. Gerlach/A.
Gschlössl/P. Milhofi’cr, Am
Beispiel
der September-Streiks - Anfang der Rekonstruktionsperiode der
Arbeiterklasse?, 1971;
E. Schmidt, Ordnungsi’aktor
oder Gegenmacht. Die politische Rolle der
Gewerkschaften, 1971;
Fr. Deppe/Jutta
v. Freyberg u.a. , Kritik
der
Mitbestimmung, Partnerschaft
oder
Klassenkampf’?, 1969.
66)
Zum
Verhältnis „Kirche und Handwerk“ demnächst vom Vf.
in: Kirche und Klasscnbindung,
hg. von Y. Spiegel,
1973.




Islam
| Erfahrungen
mit interreligiösem Religionsunterricht - in der Kollegschule
des Berufsschulwesens in NRW |
Erstveröffentlichung - umfangreicher in AIL
-
Arbeitsstelle Interkulturelles Lernen- Uni Duisburg
| "Für
jeden von euch haben Wir Richtlinien und eine Laufbahn bestimmt. |
1.
Ausgangslage
Die
ausländischen Schülerinnen und Schüler wollen an der berufsbildenden
Schule von
sich aus am RU teilnehmen.
Motive : Sich dazugehörig fühlen, Neugierde, z.T. Missionseifer, Stolz
über die
"überlegene" Religion
Die Ev. Kirche im Rheinland hat den RU grundsätzlich für alle SS
geöffnet.
Wunsch
meinerseits, den Islam etwas näher kennenzulernen. Alltag der Religion
-
weniger die "Theorie".
2. Das Experiment
Wir
unterrichten an der Kollegschule oft im Klassenverband -
interreligiös-kooperativ, weil die Schülerinnen das so wollen und weil
eine
Ersatzbelegung nicht greift. Ein Ersatzfach gibt es in NRW nicht.
Spezifikum:
Auf Wunsch einer Gruppe habe ich zweimal halbjahrsweise muslimische
bzw. aus dem
islamischem Kulturkreis stammende Schülerinnen und Schüler alleine für
sich
unterrichtet - also ohne Schülerinnen und Schüler aus dem christlichen
Kulturkreis.
Begründungen:
Die Muslime kommen oft mit ihren speziellen religiösen Anliegen zu
kurz. ( Analogie
: Mädchen in Klassen mit Jungen ). Die "christlichen" SchülerInnen
blocken religiöse Themen oft ab. Solange es keinen islamischen RU gibt
haben
die islamischen SchülerInnen m.E. ein Recht auf eigenen Untericht.
Erfahrungen
bisher mit 2 Lerngruppen im Ausbildungsgang "Elektrotechnische
Assistenten"
( ETA ) bestärkten mich, diesen Weg zu gehen, auch wenn Bedenken gegen
eine
dauerhafte Lösung bestehen. Der Eindruck von Bevorzugung könnte
entstehen. Da
katholischerseits die Konfessionalität enger gesehen wird, kommen wir
als
Evangelische in eine nicht immer angenehme Lage.
3.
Legitimation durch die Richtlinien
Die
Richtlinien in NRW ermöglichen handlungsorientiert zu arbeiten. Die
Qualifikationen erweisen sich bis auf wenige für einen interreligiösen
RU
geeignet.
4.
Spezielle Qualifikationen für den interreligiösen RU
1.
Keine
Missionierung, sondern Anhören des Anderen, auch wenn er Atheist ist
2. Wege finden, wie wir uns trotz gegensätzlicher, sich z.T.
ausschließender
Glaubensüberzeugungen
- einander überhaupt zuhören und Interesse an den anderen
entwickeln
- den Dialog nicht aufgeben,
- den Willen zum Zusammenleben stärken
- und im Ernstfall für das Lebensrecht des anderen einzutreten.
Diese
an
sich selbstverständlichen Toleranzqualifikationen erweisen sich im
Unterricht
oft als die zentralen Ziele, weil die emotionale Besetztheit der Themen
vor
allem bei den Muslimen sehr hoch ist. Sie treffen genau in die
Lebenslage
zwischen den Kulturen und Religionen und sind oft mit heftigen und
schmerzhaften Konflikten verbunden.
Insgesamt
geht es darum in Lebenssituationen handlungskompetent zu werden. Zur
Lebenssituation gehört aber die religiöse Situation besonders für die
Muslime
hinzu, gibt sie doch in der Unsicherheit vielen das Sicherheitsnetz zum
Überleben.
5.
Konkretes Aushandeln von Unterrichtsvorhaben
In
diesem
handlungsorientierten RU geht es darum, gemeinsam mit der Lerngruppe,
die
Unterrichtsvorhaben auszuhandeln. Dies geschieht je nach Situation
ausgehend
von einem Thema, einer Situation oder einer Qualifikation aus dem
Qualifikationskatalog. Dabei sind aber alle drei Dimensionen immer
miteinander
in der Lerngruppe in einem offenen Diskurs miteinander zu vermitteln.
Denn:
Inhalte, Ziele und Lebensbezug gehören immer zusammen.
Die
Unterrichtsvorhaben können je nach Lerngruppe größer oder kleiner sein
und sehr
unterschiedliche Form haben.
6.
Beispiele für Unterrichtsvorhaben
1.
Quiz
zum Islam
2. Elemente für einen "Islamkoffer"
3. Besuch einer Moschee mit den ReligionslehrerInnen
4. Problemorientierte Themen
Beispiele
aus einer Lerngruppe - hier A41VF (
Elektrotechnische Assistenten in
der
Kollegschule ) - in Auswahl Schulhalbjahr 1996/97
-
Texte zum Islamkoffer
- Erbakans Politik und die geopolitische Lage der Türkei ( Reisen
Erbakans )
- Zukunft im Beruf
- als Türke hier
- als
"Deutsch-Türke" in der Türkei
- Studieren oder Ausbildung im Betrieb ?
- Verdienste - lohnt sich ein Studium ?
- Isaaks Opferung in Bibel und Koran - ein Vergleich
- Das Leben des Propheten ( Kritik an einem Text )
- Darstellung des Islam in einer Vorlesung ( Internet ) - Kritik an
einem
Skript
- Minaret mit Muezim in Duisburg ?
- Muslimische Jugendliche in Frankfurt ( FR 5.11.1996 )
7.
Problemlagen
Aus
dem
Unterricht mit Mulimen ergeben sich Dilemmata, die nicht schnell
auflösbar
sind, sondern oft nur auszuhalten sind.
1.
Ambivalenz gegenüber dem "fundamentalistischen"
Islamismus :
Sicherheit oder Freizügigkeit
2. Radikalisierung durch die Lage als Ausländer oder der Wunsch sich zu
integrieren
3. Korantreue - wörtliches Verstehen oder interpretierende Auslegung ?
4. Moralismus, "Werkgerechtigkeit" oder situationsabhängiges Handeln
nach Werten
5. Antisemitismus oder Anerkennung als "Schriftbesitzer"
6. Antimodernismus oder Modernismus d.h. geschlossenes System vs
offenes System
- arabische Identität oder Verwestlichung
- (türkisches) Nationalgefühl oder Amerikanismus
- Kollektive Identität oder Individualismus
- absolute Wahrheit oder Pluralismus
- zeitlose Wahrheit oder Historismus
- Wahrheitsanspruch oder Toleranz
- Scharia oder Menschenrechte
7. Traumata: Kreuzzüge, Osmanisches Reich, Großmachtträume,
Nahostpolitik
8. Heiße Eisen : Kurden - Türken, Atatürk
8. Weitere Themen -
problemorientiert - aus dem RU
zusammen mit Nichtmuslimen
Mit
- vorhandenem - Hass umgehen: Wie mache
ich das?
Gewalt in der Jugendszene - Rassismus oder normales Verhalten von allen
Jugendlichen?
Lassen sich Islam und moderne Technik vereinen? Stolz vs.
Antimodernismus
Ist die Türkei eine Demokratie?
Die Kurdenfrage - oder: berechtigt der Koran zur Rache?
Ist die Türkei überhaupt eine Nation? Wenn ja, seit wann ?
Woran ging das Osmanische Reich zugrunde?
Umgang mit Minderheiten - nationale, religiöse: Was sagt der Koran dazu
?
Kann ein Moslem in Deutschland beerdigt werden?
Jungfäulichkeit - türkische oder islamische Moral ?
Kann man im Koran Zeitbedingtes vom Ewiggültigen trennen?
Zinsen, Abgaben, Kirchensteuer - Umgang mit Geld in den Religionen
Wer kommt noch ins Paradies, wo wir doch alle täglich die Vorschriften
nicht
einhalten?
Sich zu Fragen der Religion äußern - was ist erlaubt: - Kritik -
Distanzierung
- Ironie - Lachen - Satire?
Insgesamt gesehen ist die Haltung zur Aufklärung zumeist der
Auslöser für
solche Ambivalenzen und Konflikte. Das macht es oft schwierig, die für
unsere
Öffentlichkeit selbstverständlichen Formen von Kritik, Ironie oder gar
Satire (
Harald Schmidt-Show z.B. ) einzubeziehen.
Anhang
Positionen ( nach H. Dreier, Amos 3/98
)
http://www.amos-blaetter.de
1.
Sozialethische Zusammenarbeit : Vorurteile, soziale
Gerechtigkeit
2. Abrahmitische Ökumene : Segen Abrahams und seiner Nachkommen gilt
allen drei
Religionen
3. Wahrheitsfrage:
- exklusiv
- inklusive
- pluralistisch
Dietrich
Horstmann
Ausbildung und Beruf - 12 Elemente TZI
Kurzfassung für diese Homepage |
| Traum
vom Beruf | Eine
Phantasiereise | ||
| Begabungen
- Meine Stärken und Schwächen und mein Beruf |
Selbsterfahrung | ||
| Alltag im Beruf | mit
Arbeitsblatt "Alltag" | ||
| Qualität
meiner Ausbildung | |
||
|
Veränderungswünsche
in der Ausbildung | Schritte
zur Veränderung planen | ||
| Simulationsspiel
zur Ausbildung | Kündigungsfall
durchspielen | ||
| Sinn
von Arbeit und Beruf |
|
||
|
Meine
Berufung im Beruf |
| ||
| |
| ||
| Arbeiter
im Weinberg |
als
Gerichtsverhandlung | ||
| Meine
Zukunft im Beruf | mit
einer Malübung | ||
| Verteilung
der Arbeit | eine
Expertendiskussion |
Der Einsatz der Elemente hängt stark vom Maß an Vertrautheit mit und innerhalb der Lerngruppe ab. Die zwölf Beispiele sind zumeist einzeln - eben als Elemente - zu verschiedenen situativen Anlässen eingesetzt worden: Am Beginn , nach dem 1.Jahr, vor der Zwischenprüfung, am Ende der Ausbildung: wenn in der Lerngruppe das Thema "dran" ist. Sequenzen aus mehreren Elementen dauern etwa vier Unterrichtswochen. Alle Beispiele sind von mir mit wechselndem "Erfolg" unterrichtlich erprobt. Sie werden unterschiedlich ausführlich vorgestellt, weil ich manches als bekannt voraussetze. So fehlen meist die jeweiligen "Feed-Backs" am Ende.
| Thema
"Arbeit und Beruf" im BRU | systematisch |
|
Was
ist TZI? | Was
ist ein TZI-Thema? | Literatur | Verfasser |
Weitere Materialien zum Thema Beruf
